Wie dachte Napoleon?


Ladiges nach Paul Delaroche (1797–1856)
Napoleon in Fontainebleau
Um 1930
Salenstein, Napoleonmuseum Thurgau,
Schloss und Park Arenenberg
© Napoleonmuseum Thurgau
Napoleon und Europa.
Traum und Trauma

Der Schlagetot, dessen gute Stube das Schlachtfeld zu sein scheint, der Europa-Unterdrücker und bürgerliche Aufklärer, der Rechtsreformer, Technikpionier und Förderer von Kunst und Naturwissenschaften las unter anderem Platon, Voltaire und vor allem Rousseau. Übrigens sogar die erste Euro-Währung hat er in Form eines Gold-Franken angedacht. Doch die Münze mit seinem Konterfei in Cäsaren-Styling fand letztlich wenig Anklang: genauso unbeliebt wie der Euro.

Der französische Schriftsteller Honoré de Balzac beschäftigte sich erstmals systematisch mit dem Phänomen Napoleon und gab dessen gesammelte Maximen und Gedanken im Jahre 1838 als Aphorismensammlung in Paris heraus (2010 neu ediert mit Metternich-Essay). Da offenbart sich zunächst, zum Beispiel hinsichtlich Deutschland, ein unverstandenes, mauliges Genie: „Ich war gezwungen, zehn Jahre auf den Leichenhaufen der Deutschen zu kämpfen; sie konnten meine wahren Absichten nicht erkennen, und ich hatte große Pläne mit ihnen“. Die höllische Völkerschlacht bei Leipzig bedeutet den Anfang vom Ende. Aus dem Alleinherrscher wird ein illusionsloser Mann: „In Europa gibt es kein Völkerrecht mehr: Es geht nur noch darum, dass man sich gegenseitig wie Hunde umbringt.“

Auf die Frage, ob Napoleon im Grunde seines Wesens gut oder schlecht war, antwortet Metternich, der neue Europa-Regisseur nach Napoleon: „Mir schien immer, dass diese Beiworte, so wie man sie gemeinhin versteht, auf einen Charakter wie den seinen nicht anwendbar waren.“  Metternich weiter : „Napoleon hatte zwei Gesichter. Als Privatperson war er umgänglich und nachgiebig, ohne gut oder schlecht zu sein. In seiner Eigenschaft als Staatsmann ließ er keinerlei Gefühl zu; seine Entscheidungen traf er weder aus Zuneigung, noch aus Hass.“

1795 versuchte sich der junge, 26-jährige Napoleon gar an einer romantischen Erzählung, „Clisson und Eugénie“.  Die Hauptfigur, ein verliebter General, äußert angesichts einer Gesellschaft, die die beiden Verliebten als verrückt betrachtet: „ Nur die Armen liebten und segneten sie. Das entschädigte für den Spott der Narren....“

Wie dachte Napoleon?

Napoleon lebt, sogar mit Fahrrad

Den ‚Prinz Poldi’ nimmt einem zumindest im Rheinland jeder halbwegs Fußballinteressierte ohne Probleme ab – aber einen Prinz Charles Napoleon? Ohne Quatsch, den gibt’s!

Charles Marie Jérôme Victor, prince Napoléon, duc de Montfort wurde 1950 in Boulogne-Billancourt geboren – dies mit einem makellosen Stammbaum, der zurückreicht bis zu seinem Urgroßonkel: Napoleons jüngster Bruder Jérome Bonaparte. ‚Napoleon VII.’ ist seit 1997 Oberhaupt des Hauses Bonaparte, zeigt sich gern mit Rucksack auf dem Fahrrad, ist aber beruflich eher vierrädrig unterwegs: als Bankier, Finanz- und Immobilienmakler in Paris. Und er ist hochgewachsen und eher schlank. 1999 kehrte er nach Ajaccio in die korsische Geburtsstadt Napoleons I. zurück und kandidierte für das Bürgermeister-Amt als „parteiloser Demokrat und Republikaner“. Den Posten stellen übrigens ansonsten traditionell die Bonapartisten. Im Jahr 2004 wurde er zumindest Vizebürgermeister der Stadt.

Man beschäftigt sich heutzutage im Hause Bonaparte natürlich eher mit dem Andenken, weniger mit dem Machtanspruch Napoleons I.. Wenn Prinz Charles Napoleon aktuell äußert “Die Zeit der starken Anführer ist vorbei. Heut muss jeder Einzelne ein Napoleon werden“, muss also nichts befürchtet werden. Nicht zu vergessen, dass Prinz Charles Napoleon den „Europäischen Verbund der Napoleonstädte“ gegründet hat. Mittlerweile sind es über 30 Städte aus Frankreich, Polen, Italien und Belgien, die eben keinen Schlachtfelder-Tourismus pflegen wollen, sondern aus verschiedenen kulturellen Blickwinkeln die Geschichte, ihre Auswirkung und die daraus erwachsenden Chancen vermitteln wollen. Die Liste reicht von Ajaccio und Alexandria, über Hanau, Jena und Kassel, bis Vilnius und Waterloo. Also sagen wir es kurz: Freundschaft!

>>Fédération Européenne des Cités Napoléoniennes

Todes-Legende: Tapeten-Arsen und Dreispitzhäubchen....


Francesco Antommarchi (1780–1838)
Totenmaske Napoleons I.
Kupfer, 22 x 23 x 36,5
Salenstein, Napoleonmuseum Thurgau,
Schloss und Park Arenenberg
© Napoleonmuseum Thurgau
Napoleon und Europa.
Traum und Trauma

Eigentlich wünscht man sich bei dieser Theorie zum Tod Napoleons – offensichtlich nähern sich das Napoleon-Blog und die Ausstellung ihrem Ende – eine Miss Marple oder einen Hercule Poirot im Todeszimmer des vermutlich wohl letztlich doch an Magenkrebs gestorbenen Kaisers. Denn „Der Tod aus der Tapete“ -  das wäre doch eine Todes-Legendenversion der besonders schrulligen Art.

Also hier die Hypothese: Napoleon war auf St. Helena nicht gerade viel geblieben, darunter etwa die Liebe zur Farbe Grün (daher vielleicht auch die Hobby-Gärtnerei). Und er ließ sich die Tapeten in diesem Farbton streichen. Nun handelte es sich bei dem Grünpigment um sogenanntes "Scheeles Grün" -  woraus sich die hohen Arsenmengen zurückführen lassen sollen, die angeblich im Haar Napoleons gefunden wurden. Die preiswerte Farbe wurde in der damaligen Zeit häufig verwendet und im Jahr 1778 von dem schwedischen Chemiker Wilhelm Scheele aus einer Verbindung aus Arsen und Kupfer entwickelt. Eine Theorie besagt, dass ein Schimmelpilz im Gemäuer, zumal angesichts des schwül-feuchten Klimas, Arsen aus der Tapete freisetzte. Dies könnte den jahrelangen ‚Arsen-Beschuss’ erklären. Wobei auf St. Helena vergleichbare Todesfälle aus dem Umfeld nie bekannt geworden sind.

Ob dass indes ebenfalls der Grund dafür war, dass bei einer Auktion eine Napoleon-Locke nur enttäuschende 10 000,- Euro erbrachte......?

Kunst-Avantgarde


Jonathan Meese,
Der Terminator: Napoleon, 2006,
Privatsammlung,
© Courtesy Contemporary Fine Arts, Berlin
Foto: Jochen Littkemann
Napoleon und Europa.
Traum und Trauma

Nicht nur Napoleons Code Civil ist in unserer Gegenwart angekommen Auch er selber hat es als figuratives Signal und eine im öffentlichen Bewusstsein eingravierte Bedeutungs-Silhouette bis in die zeitgenössische Kunst geschafft.

Die Bonner Napoleon-Ausstellung liefert Beispiele, zeigt etwa Hiroshi Sugimoto, der nicht nur Napoleon, sondern auch Rembrandt oder Oscar Wilde 1999 in Wachsfigurenkabinetten fotografierte, dann vor schwarzem Hintergrund freistellte, mystisch entmythologisierte. Nur noch eine paralysierte leere Hülle bleibt von der Wirkung des klassischer Herrscherporträts - eine Kopie, die es nicht mehr schafft, das Original zu sein: Wer war Napoleon also wirklich?

Jonathan Meese, der Post-Dada-Clown der Gegenwarts-Avantgarde vergrößert den Napoleon-Mythos mannsgroß in Bronze, schafft ein gesichtsloses Konglomerat, geboren aus dem Geist der Hollywood-Maschine: Imperator wird zu Terminator: ein Baukasten aus Verletzungen, aggressivem Phalluskult, inneren und äußeren Deformierungen, Funktionstasten: Die Frage bleibt - wer war Napoleon, woraus ist er konstruiert, wird er weiter konstruiert?

Napoleon-Nachahmer: Badboy Bokassa


Pierre-Philippe Thomire (1751–1843)
nach Antoine-Denis Chaudet (1763–1810)
Adler des 25. Infanterieregiments,
Modell, 1804
© Musée de l'Armée, Paris
Napoleon und Europa.
Traum und Trauma

Die Nachahmer Napoleons fühlten sich wohl immer stärker von der Macht und Selfmade-Herrlichkeit angezogen als etwa von den Segnungen des Code Napoleon, der bürgerliches Recht und Rechtsgleichheit ins Europa auf den Weg brachte, damit den Abschied vom Feudalrecht. Hätte er sich doch juristischen Geisteswerken verschrieben und dem Kriegsführen verweigert! - so jedenfalls sinngemäß Jutta Limbach, ehemals Bundesverfassungsgerichts-Präsidentin, in einem Katalogvorwort.

Denn zu den vollständig missratenen Napoleon-Nachahmern, groß geworden durch französischen Kolonialismus und Militarismus, zählt Jean-Bedel Bokassa. 1966 kam er in der Zentralafrikanischen Republik an die Macht und machte bald das zweitärmste Land zum Kaiserreich. Eben möglichst alles so wie bei Napoleon I.. 1977 krönte auch er sich selbst zum Kaiser. Aus Paris lässt Bokassa 100 Tonnen Feuerwerkskörper, 1,5 Tonnen Orden und 5.100 Galauniformen einfliegen; dazu eine Großraummaschine mit Blumen, Staatskarossen und 35 Pferden. Der bronzene Adler-Thron, die mit den 5000 Diamanten des rohstoffreichen Landes besetzte Krone, des Kaisers Krönungs-Hermelin, wie auch das Zepter kopierten exakt napoleonisches Design. Mit dem Zepter hatte er noch kurz zuvor Michael Goldsmith, den Pariser Korrespondenten der US-Nachrichtenagentur AP, zusammengeschlagen.
Finanziert wurde der rund 30 Millionen Dollar teure Napoleon-Wahn von Bokassas Schutzmacht Frankreich. Präsident Giscard d'Estaing vermacht seinem treuen Vasallen und Jagdgefährten sogar ein Schwert Napoleons. Zwei Jahre dauerte eine Terrorherrschaft, die Massaker an Schulkindern und inzwischen nachgewiesenen Kannibalismus Bokassas einschließen. Er lavierte sich nach seiner Absetzung durch verschiedene Tribunale und Todesurteile, wurde 1993 gar durch Genenralamnestie  freigelassen.  Drei Jahre lang bezieht der ehemalige Kaiser, als französisches Armeemitglied noch eine Kriegsveteranenrente des französischen Staates, bis er 1996 starb. "Bis zum Tode Franzose bleiben" war sein Lebensmotto.